Bekanntlich wir dem Schwaben gerne eine Neigung zum sparsamen, konservativen Denken in finanziellen Dingen nachgesagt. Manchmal soll dieser Wesenszug sogar in Knausrigkeit und übertriebene Ordnungsliebe umschlagen. Daher stehen nun im Mittelpunkt dieses Posts einige kostenlose Glühweine, während deren Genuss mir einige kritische Gedanken zu Wirtschaftskrise, Marktwirtschaft und Finanzsystem wieder wachgerufen wurden.

Zu Beginn ein kleiner Exkurs ins Schwäbische. Der oben angesprochene etwas schrullige, leicht negative Touch des schwäbischen Images liess sich in wirtschaftlichen und politischen Fragen lange Zeit sehr gut positiv nutzen. Stolz präsentiert sich unsere Landesregierung als Kämpfer für eine Nullverschuldung, als Hüter einer konservativen, nachhaltigen Haushaltspolitk gegen die sozialistische Unvernunft von Links. Ein ähnliches Bild sollten viele Menschen bis letztes Jahr auch von der Landesbank Baden-Württemberg haben, die wie ihre Anteilseigner auf den schwäbischen, nachhaltig sparenden Ruf vertraute.

Zu Beginn meines Studiums war ich daher auch sehr überrascht, dass bei gelegentlichen Ausflügen und der damit verbundenen Suche nach Geldautomaten, unglaublich viele meiner Freunde die Automaten der LBBW aufsuchten. Fairerweise muss mensch dazu erwähnen, dass auch die lokalen Sparkassen Anteilseigner der LBBW sind und das Automatennetz mit der LBBW teilt. Die Sicht auf die Landesbank war bei den meisten positiv und durch einen lokalen/regionalen Bezug begründet.

Einer der letzten selbstbewussten Aktionen unserer südwestlichen Landesbank, war dann auch die Übernahme der sächsischen Landesbank zu Beginn der Finanzkrise. Diese hatte sich durch die enormen Spekulationen einer irischen Tochter in eine auswegslose Lage manövriert, die in Sachsen einigen Politikern und Bankern Amt und Karriere gekostet hat. Die Ünbernahme brachte damals Belastungen von über eine halben Milliarde in die Bilanzen. Allein diese Kennziffer der Übernahme führte in Presse und politischer Opposition schon zu kritische Kommentaren und wäre eine nicht ganz einfache zukünftige Belastung geworden.

Der richtige Einsturz kam dann parallel zu den Problem der HSH-Nordbank und der Bayrischen Landesbank. Die genannten Kreditausfälle wuchsen auch in Baden-Württemberg von Woche zu Woche und die Kosten der sächsischen Übenrahme erscheinen heute als Peanuts im Vergleich zu den Casinospielereien in Übersee. Eine Kapitalerhöhung von 5 Milliarden Euro verteilt auf die Stadt Stuttgart, dem Land Baden-Württemberg und den Sparkassen bedeutete für alle Beteiligten große Bauchschmerzen und löst bis heute Kritik aus, da eine Aufnahme in den Bundesbankenschirm Soffin, weniger Probleme für die Haushalte von Stuttgart und Baden-Württemberg bedeuetet hätte.

Für mich stand schon recht früh während der Finanzkrise das problematische Konstrukt aus Basel II, übereilter Kreditvergabe und Ratingagenturen im Mittelpunkt der Gründe. Für jeden dem diese Begriffe zunächst nichts sagen, als kurze Erklärung. Im Basel II Abkommen wurde für Banken die Sicherheitspraxis bei der Kreditvergabe verändert. Nicht mehr pauschal 8% der Kreditsumme mussten als Sicherheit hinterlegt werden. Sondern die prozentuale Rücklage bemaß sich nun an der Bewertung oder dem Rating des Investments. Sprich eine sichere Anlage benötigte weniger Sicherheit als eine risikobehaftete. Ziel war es eigentlich, dass Banken bei der Vergabe von Krediten, die etwaigen Schuldner besser durchleuchten als zuvor. Dieses im Grunde gute Ziel eröffnete aber vor allem einen weitreichenden negativen Mechanismus. Bei einer besseren Bewertung ist die Vergabe von mehr Geld möglich. Im Verbund mit dem sehr hohen Druck für Mitarbeiter der Banken nach vielen Vertragsabschlüssen und einer funktionierenden Wirtschaftslage entwickelte sich die Monopolisierung der Ratingagenturen nun zum größten Schwachpunkt. Durch die geringe Konkurrenz bei der Vergabe von Ratings (nur 3 Firmen domminieren diesen Markt) verschob sich die Genauigkeit und Transparenz dieser Bewertungen. Erschwerend kam hinzu, dass viele Ratings von Firmen oder Banken selbst bezahlt wurden. Die Blase platzte dann in dem Moment als mehrere Kreditnehmer mit hohen Kreditsummen in ihren Bewertungen heruntergestuft werden mussten. Mehr Geld war als Sicherheit im Tresor der Bank von Nöten ohne dass der Kredit zunächst komplett ausgefallen wäre. Hätte an diesem Punkt weiterhin die alte Sicherheit ausgereicht, wären die meisten Banken nicht in Schwierigkeiten, (allerdings die ungehemmte Vergabe in wirtschaftlichen Zeiten in der heutigen Form ebenfalls unmöglich). Dies als kurzes Hintergrundwissen.

Nachdem diese Woche eine überraschende Hausdurchsuchung, wegen Untreuevorwürfen gegen Teile des Vorstands ,bei der LBBW stattfand, war es umso interessanter für mich, dass mir beim kostenlosen Glühweintrinken (den ich mir natürlich nicht entgehen lassen konnte) am gleichen Abend auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt der Freund eines Freundes vorgestellt wurde, welcher sich als Banker der LBBW herausstellte. Zugegebenerweise war der Betreffende schon etwas fortgeschritten auf der Glühweinskala und plauderte deshalb sehr freigiebig über Details seines Arbeitgebers. In dem interessanten kontroversen Gespräch bestätigte er mir obige Thesen und forderte massive Beschränkungen des Kapitalmarkts, die Rücknahme von Basel II, eine nachhaltigere Boniauszahlung erst nach Ablauf des Kredits und geißelte die Monopolisierung der Ratingszene. Bis zu diesem Punkt fand ich das Gespräch noch recht erstaunlich, bis er dann nebenbei noch hinzufügte, dass er ein totaler Marktwirtschaftsanhänger, CDU-Vorstandsmitglied (wo weiss ich leider nicht) und eigentlich komplett gegen staatliche Eingriffe ist. Als ich ihn fragte ob die einzige Konsequenz den nun nicht sein müsse solche Geldinstitute als Kunde und auch als Arbeitnehmer nicht mehr zu unterstützen, verteidigte er aber seinen Arbeitgeber aufs massivste, benannte Äußere Zwänge als Gründe und meinte dass die Verluste hauptsächlich die kleinen Bankangestellten am Tresen treffen würde. Kurz bevor ich mich dann verabschiedete bekam ich noch mit wie er einem Mädchen aus der Gruppe schon die nächsten Anlagestrategien anpries und ihr von Renditen erzählte. Er war nicht das erste Beispiel, dass mir die Schizophrenie des Kapitalismus aufgezeigt hat, aber es wurden mir wieder einmal brühwarm alle meine Vorurteile gegen das geldumherschiebende Gewerbe bewusst.

Es ist schon verrückt das keines der oben genannten Probleme von der Politik nun im Zuge der Krise wirklich angegangen wurde und eine Regulierung der freien Märkte in weitester Ferne liegt. Wer den Titelartikel (“Die Billionen-Bombe) des Spiegel von vorletzter Woche gelesen hat konnte die neuesten Erfolgszahlen, der ersten Großbanken schon wieder feiern und welche Blasen sich schon wieder aufbauen. Auf der anderen Seite, ist die Stadt Stuttgart kurz davor keinen verfassungsgemäßen Haushalt aufzustellen und wenn sie es schafft, wird sich dieser auf massiven Kürzungen im Kultur- und Sozialbereich stützen. Die neue Bundesregierung hat durch die Konjukturpakete, Steuer- und Beitragsausfälle und den ein Defizit von 100 Milliarden Euro benannt, ähnlich stellt sich die Lage des Landes Baden-Württemberg, dar. Die Kosten der Krise sind wie befürchtet am falschesten Ende der Bevölkerung angekommen und eine Veränderung des Systems scheint wieder nicht in Sicht.