Der Titel „Schlimmer als Krieg“ zeigt schon sehr deutlich, wie die Gewichtung für Daniel Jonah Goldhagen zwischen Krieg und Völkermord ausfällt. Im Nachhinein halte ich den Titel für sehr unglücklich, auch wenn er durch dessen provozierende Aussage sicher mehr Menschen ins Auge fallen wird. Die Kritiken in den deutschen Zeitungen fielen zum großen Teil sehr negativ aus, genannt sei hier nur die von Harald Welzer erschienen in der Zeit.

Grundsätzlich muss das Buch in 2 Abschnitte unterteilt werden, 500 Seiten der 640 befassen sich mit der wissenschaftlichen Einordnung zu Völkermord. Beginnend mit der Definition von eliminatorischen Handlungen, bei denen er das Töten von Menschen auf Grund ihrer Rasse, Gruppenzugehörigkeit oder politischen Einstellung mit u.a. Vertreibung, Unterdrückung, Reproduktionsverhinderung gleichsetzt und anprangert, dass der politische Fokus meist nur auf den wirklichen Todesopferzahlen liegt. Goldhagen beleuchtet die Aspekte von Völkermord von den unterschiedlichsten Seiten, was haben die verschiedenen Beispiele gemeinsam und wo unterscheiden sie sich. Welche Vorstellungen befähigen die Täter zu ihren Handlungen und welche Bedeutung haben politische Führungsgestalten für die Ausführung einer genozidalen Kampagne?

Die Stimmung des Buches war für mich sehr beklemmend, da Goldhagen unglaublich objektiv Beispiele verschiedener Eliminationsprozesse schildert und deren Auswüchse emotionsarm vergleicht. Als Leser verunsichert Einen dies zu Beginn, allerdings kommt mensch nicht umhin sich darauf einzulassen die eigenen Gefühle abzustreifen.

Den erste Teil so schwierig er in seiner Ausführlichkeit zusammenzufassen ist, stellt in meinen Augen ein unglaublich interessantes Werk dar, dass einige meiner Sichtweise auf das Thema sehr beeinflusst hat. Besonders die unglaublich hohe Dichte an Details und der argumentativen Herangehensweise an Täterhandlungen, gesellschaftlichen Tendenzen und der Einfachheit der Tat. Allerdings bietet der zweite wesentlich kürzere politische Teil unglaublich viele kontroverse Angriffsmöglichkeiten, denen sich Goldhagen aber auch bewusst aussetzt, wie er in seinem Nachwort anmerkt.

Zerrissen wurde sein Vorschlag Kopfgelder auf die Tötung von Völkermördern auszusetzen. Der Vorschlag die Vereinten Nationen durch eine Organisation der Vereinten demokratischen Nationen zu ersetzen löst im ersten Moment Kopfschütteln aus. Die ideologische Nähe zur Außenpolitik der amerikanischen Republikaner wird hierbei stark sichtbar. Trotzdem sind einige seiner Vorschläge Denkanstöße, die ich für diskussionswürdig erachte. Die Vereinten Nationen arbeiten im Bereich der Vermeidung von Völkermorden unglaublich ineffektiv und haben es über viele Jahrzehnte nicht geschafft ernsthaft dagegen vorzugehen. Die Reformation dieses Gremiums ist auch in meinen Augen notwendig, allerdings spricht Goldhagen allen nichtdemokratischen Staaten die Teilnahme an einem solchen internationalen Völkerrat ab und möchte das interventionistische Vorgehen von Staaten und Staatenbünden gegen Völkermorde generell erlauben bzw. spricht er an manchen Stellen sogar von einer Pflicht dazu. Als Beispiel nennt er hierbei die Jugoslawienkriege, welche ohne UN-Mandat erfolgten. Die grundsätzliche Frage ist, wie stark sind Staaten an das Völkerrecht gebunden und was nutzt ein Völkerrecht ohne Sanktionsmaßnahmen. Besonders eine Intervention ohne Mandat könnte unglaublich schnell durch die völkerrechtliche Begründung mißbraucht werden, auf der anderen Seite sehe ich z.B. im Kosovo auch eine gewisse moralische Verpflichtung zum Handeln. Also ein Dilemma auf das es vielleicht auch keine zufriedenstellende Antworten geben kann. Fragwürdig bleibt trotzdem mit welcher Einfachheit Goldhagen in seinen Thesen empfiehlt Gesetze und Völkerrecht zu übertreten mit der Begründung einer guten Sache. Diese Argumentationen führten in der Vergangenheit zu unberechenbaren, moralisch fragwürdigen, militärischen Abenteuern.

Das Buch stellt keine Musterlösung für die Problematik dar, allerdings ermöglicht es einen ausführlichen Einblick in die Thematik und stellt dem kritischen Leser genügend Angriffspunkte, deren Argumente allerdings nicht sofort vom Tisch zu wischen sind.